Kindheit früher -Wie konnten wir das damals nur überleben?

Leute – mal ehrlich jetzt…..Wer heute einen Spielplatz besucht, bekommt manchmal das Gefühl, Kinder seien eine gefährdete Tierart, die rund um die Uhr überwacht werden muss. Helm auf, Sonnencreme drauf, Trinkflasche mit Namen versehen, GPS-Uhr ans Handgelenk, vielleicht noch ein Smartphone und los geht’s.
Wer dagegen wie wir in den 60er- oder 70er-Jahren aufgewachsen ist, erinnert sich an eine Kindheit, die eher nach einem Survival-Training mit gelegentlichen Pausen für Brausepulver und Wasser-Eis aussah. Und dann noch während der Fußball-Pausen die gelbe Limonade.
Natürlich verklärt die Erinnerung vieles. Nicht alles war früher besser. Aber manches war tatsächlich völlig anders.
Freiheit statt Standortfreigabe
Damals verließ man morgens das Haus und verschwand. Die Eltern wussten oft nur ungefähr, in welchem Stadtteil man sich befand. Die Kommunikation bestand aus einem Satz:
„Sei pünktlich zum Abendessen um sechs wieder da.“
Heute können Eltern theoretisch jederzeit wissen, wo ihr Kind gerade ist. Smartphones, GPS-Uhren und Messenger haben die Unsicherheit reduziert und gleichzeitig die ständige Erreichbarkeit geschaffen. Ähhh – Überwachung wohl eher. Ein Kind, das drei Stunden nicht erreichbar ist, löst heute bei manchen Eltern bereits leichte Panik aus.
Spielplätze waren kleine Abenteuerparks
Viele Spielplätze der 60er- und 70er-Jahre würden heutige Sicherheitsprüfer vermutlich in Schnappatmung versetzen. Beton, Metall, hohe Klettergerüste und Bodenbeläge mit der Stoßdämpfung einer Autobahnauffahrt waren keine Seltenheit.
Kinder fielen herunter, schürften sich die Knie auf und lernten erstaunlich schnell, welche Ideen weniger super waren als gedacht.
Heute sind Spielplätze deutlich sicherer. Die Zahl schwerer Verletzungen ist gesunken. Dafür fehlt manchen das Gefühl, dass ein Klettergerüst früher gleichzeitig Spielgerät und Mutprobe war. Schürfwunden heute – Fehlanzeige. Ausprobieren – geht nicht. Abenteuer – verboten.
Ernährung zwischen Toast Hawaii und Brausepulver
In den 60er- und 70er-Jahren sprach kaum jemand über Zucker, Zusatzstoffe oder Omega-3-Fettsäuren. Wir haben das gegessen was auf den Tisch kam. Süßigkeiten sowieso von Brause, über „M…. köppe“ – oder Wasser-Eis mit Farbstoffen waren allgegenwärtig,
Heute kennen viele Eltern Kalorien, Inhaltsstoffe und Nährwerttabellen besser als ihre eigene Steuererklärung. Ernährung ist bewusster geworden, manchmal aber auch komplizierter.
Die Schule oder besser: der Weg dahin
Heute beginnt der Schultag oft mit dem Eltern-Taxi. Die Kinder sitzen lieb und nett auf der Rückbank eines SUVs, werden bis auf wenige Meter an den Schuleingang herangefahren und mittags wieder eingesammelt. Danach folgt das Nachmittagsprogramm: Hausaufgaben, Sportverein, Musikunterricht, Tennis, Golf oder irgendein anderer Termin, den jemand in einen Familienkalender eingetragen hat, der vermutlich komplexer ist als die Flugplanung eines mittelgroßen Flughafens.
Diesen Luxus hatten wir nicht.
Für uns begann der Tag um 7.15 Uhr mit einem strammen Fußmarsch zur Grundschule. Zwanzig Minuten hin, zwanzig Minuten zurück. Bei Sonnenschein, Regen, Schnee oder dem berühmten Nieselwetter, das eigentlich nur aus horizontal fallender Feuchtigkeit bestand. Unterwegs traf man Freunde, stritt sich, vertrug sich wieder, tauschte Murmeln, Fußballbilder oder die neuesten Gerüchte aus. Noch bevor die erste Unterrichtsstunde begann, hatte man gefühlt schon einen halben Arbeitstag hinter sich.
Später wurde es sogar komfortabel: Wir durften mit dem Bus fahren. Allerdings bedeutete das nicht fünf Minuten bis zur nächsten Haltestelle, sondern rund 45 Minuten Fahrzeit pro Strecke. Das klingt heute wie eine organisierte Entführung von Minderjährigen. Für uns war es Alltag.
Und ganz ehrlich: Diese Busfahrten waren Gold wert. Dort wurden Hausaufgaben erledigt, Vokabeln gepaukt und kurz vor Klassenarbeiten panisch die letzten Wissenslücken gestopft. Manche schafften es sogar, komplette Referate erst auf dem Weg zur Schule fertigzustellen. Andere nutzten die Zeit für hochwissenschaftliche Diskussionen über Fußball, Mopeds oder die entscheidende Frage, wer am Wochenende wen geküsst haben soll.
Wenn ich heute sehe, wie Kinder direkt vor dem Schultor aus dem Auto steigen, frage ich mich manchmal, wann sie eigentlich all diese Dinge erleben sollen. Denn auf unseren Schulwegen lernten wir nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen. Wir lernten auch, pünktlich zu sein, Probleme selbst zu lösen und notfalls bei Regen einfach weiterzulaufen.
Und vielleicht war genau dieser tägliche Weg zur Schule damals schon die erste Unterrichtsstunde des Tages. Nur stand dafür kein Lehrer vorne an der Tafel. Dafür das echte Leben.
Langeweile war kein Notfall
Wer sich langweilte, bekam selten ein Tablet in die Hand gedrückt. Man musste selbst herausfinden, was man mit seiner Zeit anfing. Dabei entstanden die seltsamsten Ideen – von Baumhäusern bis zu Experimenten, die rückblickend vermutlich gegen mehrere Sicherheitsvorschriften verstießen.
Heute konkurriert die digitale Welt um jede freie Minute. Kinder haben mehr Unterhaltung als jede Generation zuvor. Gleichzeitig gibt es weniger Momente, in denen aus purer Langeweile Kreativität entsteht.
Sicherheit hat gewonnen – Gelassenheit manchmal verloren
Objektiv betrachtet leben Kinder heute in vielen Bereichen sicherer als früher. Autos verfügen über Kindersitze, Fahrradhelme retten Leben, medizinische Versorgung ist besser und das Wissen über Risiken deutlich größer.
Die spannende Frage lautet deshalb nicht, ob früher alles besser war. Das war es ganz sicher nicht.
Vielleicht war die eigentliche Besonderheit der 60er- und 70er-Jahre etwas anderes: Kinder bekamen deutlich mehr Freiheit und mussten dadurch früher lernen, mit Unsicherheit umzugehen.
Und genau deshalb erzählen Menschen dieser Generation heute gerne Geschichten darüber, wie sie ohne Helm Fahrrad gefahren, auf Baustellen gespielt und stundenlang verschwunden waren.
Nicht weil sie beweisen wollen, wie hart sie waren.
Sondern weil sie selbst manchmal staunend zurückblicken und denken:
„Wenn ich das heute erzähle, halten manch jüngere mich entweder für einen Helden oder für jemanden, der seine Kindheit in einer Mischung aus Abenteuerurlaub und Versicherungsalbtraum verbracht hat.“
Ja klar, die Zeiten haben sich verändert. Und die Kinder von früher sind ja auch älter geworden – so wie ich. Und ich sag’s euch eherlich – Älterwerden ist nix für Anfänger.
Wenn ich heute zurückdenke, was wir früher so alles gemacht haben, undenkbar heute. Da haben wir die Äpfel geklaut, okay, war nicht sauber, aber so waren halt. Heute werden die Äpfel sogar von der Größe her festgelegt. Wahnsinn, oder?
